Mama-Burnout: Warum HSP-Mütter besonders gefährdet sind

Warum HSP-Mamas schneller ausbrennen: Meine eigene Burnout-Geschichte, Ortwin Meiss' ökonomische Theorie und typische Warnsignale, die du nicht ignorieren solltest.

Bild einer erschöpften Mutter

7 Minuten Lesezeit

Es gibt Momente im Leben, in denen von außen alles perfekt scheint, doch innen fühlt sich einiges falsch an. So ging es mir, als meine Kinder noch klein waren. Eigentlich lief alles optimal: Wir waren alle gesund, und ich hatte – weil es bei meinem Mann mit seiner Firma finanziell gut lief und Oma mit den Kleinen half – die Freiheit, gleichzeitig viel Zeit mit den Kindern zu verbringen und weiter schreiben zu können – was mir auch Spaß macht und wichtig ist. Da würde wohl jeder denken: »Was für ein Glück sie hat!«

Nur warum fühlte ich mich oft so überfordert, hilflos, erschöpft und leer?

Flippte manchmal über Kleinigkeiten aus und schrie meine Kinder an?

Zoffte mich mit meinem Mann?

Donnerte Sachen in die Ecke?

Heute weiß ich: Es war alles richtig mit mir. Mein System war nur schlauer als mein Kopf.

Von Geben und Nehmen und warum Mamas auch mal nehmen dürfen und sollten

Glücklicherweise lernte ich über unseren langjährigen Familienheilpraktiker eine Energieheilerin und eine Coachin kennen. Durch die Unterstützung dieser beiden Frauen konnte ich erkennen, dass ich meine Bedürfnisse so weit ignoriert und unterdrückt hatte, dass mein Organismus zu meinem Schutz einsprang.

Später habe ich dazu in einem Buch von Ortwin Meiss ein sehr passendes Erklärungskonzept gefunden: das der Minusgeschäfte. Meiss bezieht sich da auf ein Grundprinzip der Biologie, nämlich die Ökonomie: Ein Organismus wendet nur Energie für etwas auf, das ihm etwas bringt. Wenn also ein Organismus sehr viel Energie in eine Tätigkeit investiert, aber keinen oder nur wenig Nutzen daraus zieht, ist das unwirtschaftlich und er wird aufhören, um nicht weiter Minus einzufahren.^1

Weil ich im Wesentlichen für andere funktionierte und selbst kaum stattfand, machte mich mein Körper darauf aufmerksam, dass hier Minusgeschäfte drohten.

Zunächst vor allem mit Wut und Ärger, die mir sagen wollten: Hier stimmt was nicht.

Aber auch schon mit Ansätzen von Erstarrung: dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit, das dann schließlich in die Unfähigkeit mündet, irgendetwas zu tun, damit man nicht noch weiter Energie raushaut, ohne genügend zurückzubekommen.

Ich war also kurz vor einem Mama-Burnout. Mein System signalisierte deutlich, dass die Rechnung nicht aufzugehen drohte.

Warum HSP-Mamas besonders gefährdet sind

Die Coachin war zwar nicht explizit auf dieses Konzept eingegangen, weswegen ich meine Probleme bis zu meinem Buch-Fund nicht als beginnenden Burnout wahrgenommen hatte. Aber dennoch lernte ich in dem Coaching viele wichtige Dinge, die es mir ermöglichten, aus den Minusgeschäften auszusteigen.

  • Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion – Was brauche ich eigentlich in diesem Moment? Was wünsche ich mir?
  • Hinderliche Glaubenssätze bearbeiten, die mich davon abhielten, meine Bedürfnisse wichtig zu nehmen und zu äußern.
  • Ressourcen entdecken und stärken.
  • Selbstwert pampern und Selbstfürsorge neu lernen.

Und inzwischen denke ich, dass es gar nicht mal ungewöhnlich ist, dass ich in diesen Minusgeschäft-Sog geraten bin. Für Mütter eh nicht, denn die stemmen viel: übernehmen Verantwortung für alle in der Familie, bringen unterschiedlichste Aufgaben unter einen Hut.

Und wenn diese Mamas dann noch eine ganz bestimmte Eigenschaft mitbringen, laufen sie noch viel eher Gefahr, mehr vom Energiekonto abzuheben, als drauf kommt.

Das entdeckte ich einige Zeit später, als ich schon mittendrin in meiner Coaching-Ausbildung. Da stieß ich beim Stöbern mit den Kindern in unserer örtlichen Bücherei auf ein Buch: Hochsensibel durch den Tag ^2 stand drauf. Der Titel fiel mir sofort ins Auge. »Könnte das auf mich zutreffen?«, fragte ich mich. »Könnte ich etwa hochsensibel sein?«

Und tatsächlich, ich erkannte ich mich in vielem wieder, was Sabine Dinkel da über Hochsensible schilderte und merkte: Da gab es noch eine weitere Ebene, die in meinen Beinahe-Mama-Burnout hineingespielt hatte.

20 Prozent der Menschen sind hochsensibel, hat die Psychologin Elaine Aron in ihren umfassenden Forschungen zur Hochsensibilität herausgefunden. Also in einer Fünfergruppe ist statistisch gesehen schon einer hochsensible. Gar nicht mal so wenig.

Als hochsensible Mutter wird einem das alles, was man täglich im Kopf haben und regeln soll (heute auch oft mit dem Begriff »Mental Load« beschrieben) noch schneller zu viel als einer durchschnittlich sensiblen Mutter. Wir haben leicht das Gefühl, für alles und jeden verantwortlich zu sein und das kann zu kompletter Überreizung führen.

Gerade wir Hochsensiblen spüren oft sehr gut, was andere brauchen und sind bemüht, für Harmonie und Ausgleich zu sorgen. Hinzu kommt, dass wir oft unterschwellig ständig kontrollieren, ob alles sicher ist, also permanent in Alarmbereitschaft sind, und jeden kleinsten Stress intensiver wahrnehmen. Und oft genug machen wir Stress anderer zu unserem eigenen. Dann bist du irgendwann wie ein Schwamm vollgesogen mit Stress, eigenem und fremdem, und läufst über.

Dann hast du plötzlich vergessen, für dich selbst zu sorgen.

Dir Auszeiten zu nehmen.

Einfach mal zu schlafen, wenn der Mann mit den Kindern spielt. Auch wenn grad nicht Schlafenszeit ist.

Zu sagen, dass du den Sonntag lieber ruhig im Garten als im lauten Spaßbad verbringen möchtest.

Weil Du es gar nicht mehr gemerkt hast.

Was als Stresslevel für andere Menschen easy handhabbar ist oder sogar eine angenehme Aktivierung des Systems, kann für HSPs Reizüberflutung sein.

Multitasking zum Beispiel ist auch so eine Sache, in der wir Mamas uns häufig verstricken. Alles gleichzeitig regeln wollen, auf alle und jeden sofort reagieren. Das Hin- und Herspringen zwischen Aufgaben überreizt das Arbeitsgedächnis, macht Hochsensiblen Stress und erzeugt das Gefühl, nichts richtig gemacht zu haben, erklärt Sabine Dinkel. Wenn Du dann noch gerne alles perfekt machst, sind Überforderung und Unzufriedenheit vorprogrammiert.

Versteh mich nicht falsch. Ich empfinde Feinfühligkeit als eine total wertvolle Fähigkeit. Du bemerkst Dinge, die anderen entgehen. Du sorgst für die emotionale Balance der Familie. Doch wenn Du nicht aufpasst und dich an den Toleranzgrenzen unempfindlicherer Menschen misst, kann sie dich auch sehr erschöpfen.

Fünf Typische Muster bei Burnout-Gefahr

Von mir und den Schilderungen anderer HSP-Mütter kenne ich verschiedene Muster, die auf einen aufziehenden Burnout wegen zu langer Energiemisswirtschaft hindeuten:

Unerklärliche Müdigkeit:

Du wachst morgens schon erschöpft auf, obwohl du eigentlich genug geschlafen hast. Eine Art von Müdigkeit, die nicht vom Körper kommt, sondern von der Seele.

Übermäßige Selbstaufopferung:

Du forderst selten bis nie etwas für dich ein und kannst oft nicht mal benennen, was du gerade brauchst. Du willst, dass es alle kuschlig haben und verzichtest lieber selbst, als dass jemand anderes Abstriche machen muss.

Kleinigkeiten bringen Dich komplett aus der Fassung:

Dass deine Kinder sich zanken oder einer seine Schuhe nicht anziehen will, kann zum kompletten Drama mutieren. Weil dein Gefühls-Fass schon randvoll ist. Du reagierst nicht auf die aktuelle Situation, sondern auf einen ganzen Stausee an Gefühlen.

Du wartest auf Rettung:

Passiv verharrst du in einer Wartehaltung mit unterschwelligen Erwartungen an dein Umfeld: »Irgendwann werden sie schon merken, was ich brauche …«. Oder »Wenn doch nur mein Mann sich ändern würde…«

Du fühlst dich machtlos:

Hinter diesem passiven Abwarten steckt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Du weißt, so kann es nicht weitergehen, aber glaubst nicht, selbst etwas bewirken zu können.

Von der Hilflosigkeit zur Selbstwirksamkeit

Das Wichtigste ist die Erkenntnis, dass Du nicht kaputt bist.

Dass du das Gefühl hast, nicht mehr zu können, ist der Schutzmechanismus deines Systems. Und das ist sehr intelligent. Es verhindert weitere Verluste.

Stopp den Mama-Burnout
KI generiertes Bild zeigt keine reale Person

Warte nicht darauf, dass andere etwas merken. Lerne stattdessen, wieder für dich selbst einzustehen. Wenn du das nicht machst, wer soll es sonst machen? Entdecke deine Bedürfnisse, höre auf sie, kommuniziere sie gegenüber deinen Mitmenschen.

Sorge selbst gut für Dich. Gönn dir bewusst Pausen. Ziehe dich zurück, wenn es nötig ist. Am besten machst du dir Pausen direkt zur Gewohnheit, damit du prophylaktisch deinen Akku wieder auflädst, schon bevor du das Gefühl hast, es dringend zu brauchen.

Du musst nicht jede Arbeitsaufforderung annehmen. Du kannst auch mal sagen: »Heute nicht.« Ein Satz, den ich auch gerne benutze ist: »Sonst gerne.« (Ist nicht so abweisend, und ich mag die feine Ironie.)

Versuch, Perfektionismus loszulassen. Oft ist 80 Prozent auch schon gut genug. Und von Perfektionisten sind 80 Prozent vermutlich wie 110 Prozent von jedem anderen.

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^1: Meiss, Ortwin. Hypnosystemische Therapie bei Burnout und Depression. Carl Auer Verlag.

^2:Dinkel, Sabine. Hochsensibel durch den Tag: Raus aus der Reiz-Überflutung. Gelassen durch alle Alltagssituationen. In Zusammenarbeit mit hochsensibel.org. humboldt.

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